Braucht ein gutes Produkt Fremdkapital? Tally sagt nein.

Ein stilisiertes Tally-Formular mit dem Titel „Feedback": eine Sternebewertung (vier von fünf), ein Nachrichtenfeld, ein E-Mail-Feld und ein Senden-Button. Links neben den Feldern liegen Griffe zum Verschieben der Blöcke, darunter ein „Block hinzufügen".
KI generiert

Online-Formulare sind vielseitig einsetzbar: Im Privaten für eine Umfrage zum nächsten Familienfest, im Business-Kontext zum Sammeln von Leads oder fürs Onboarding neuer Mitarbeiter:innen. Aber auch im Marketing oder in der Produkt-Forschung finden Formulare regelmäßig Anwendung.

Bekannte Produkte sind hier z.B. SurveyMonkey (US-Unternehmen) oder Typeform (ursprünglich aus Spanien, inzwischen mit Sitz in den USA). Natürlich kommen auch die großen CRMs und Support Desks mit integrierten Surveys, aber sie sind dann eben nur in diesem Ökosystem anwendbar.

Ich möchte heute ein kleines Formular-Produkt aus Belgien (Ghent) vorstellen: Tally. Was macht Tally besonders? Es ist ein junges Unternehmen, das noch vor Beginn des AI-Zeitalters (die Entwicklung begann 2020) ein hoch ausgereiftes Produkt ohne Fremdfinanzierung gebaut hat. Es ist also bootstrapped Software aus Europa. Das Gründerteam betont zudem, dass ihr großer Erfolg darauf beruht, dass sie mit sehr wenigen Personen ein Produkt mit großzügigen kostenlosen Features bauten. Dieser Ansatz, so ihre Argumentation, brachte eine so umfangreiche Kundenbasis, dass am Ende genügend User bereit waren, ein Premium-Abo abzuschließen. Ein Businessmodell, das mit Fremdkapital wahrscheinlich nicht so möglich gewesen wäre. Seid ihr auch so gespannt wie ich? Lasst uns Tally im Detail anschauen.

Was kann Tally?

Tally ist ein Umfrage-Tool, das auf Blöcken basiert. Der Editor erinnert an ein Dokument, in dem User einfach und intuitiv arbeiten können. Bereits im kostenlosen Angebot kann man unbegrenzt viele Umfragen erstellen und Antworten empfangen, was im Markt kein Standard ist.

Die Umfragen sind leicht in Websites integrierbar, schaut euch z.B. meine Kontaktseite an. Die Links zu der Umfrage können aber auch direkt an Personen gesendet werden. Klar, solche einfachen Formulare, wie das auf meiner Kontaktseite, bieten viele an. Jedoch habe ich das Formular einfach mit natürlicher Sprache gebaut, indem ich mich mit einer AI direkt mit Tallys MCP (ein Protokoll für die Kommunikation von KI-Modellen mit externen Anwendungen) verbunden habe. Seit Neuestem gibt es direkt in Tally einen KI-Agenten, der die Formulare erstellt.

Der KI-Assistent von Tally im Editor. Links entsteht ein Feedback-Formular mit Sternebewertung, Textfeld und E-Mail-Feld; rechts baut der Assistent im Dialog per natürlicher Sprache ein Dropdown für den Produkt-Bereich ein.
Ein Formular per natürlicher Sprache gebaut: der KI-Assistent von Tally erstellt die Felder direkt im Editor.

Jedoch hat man nicht selten Anforderungen, die über einfache Formulare hinausgehen. Ich benötigte vor nicht allzu langer Zeit ein komplexes Anmeldungsformular für eine Veranstaltung. In dem Formular gab es viele Abhängigkeiten: Je nach der vorherigen Auswahl wurden Fragen angezeigt oder versteckt, Sektionen übersprungen, etc. Tally unterstützt komplexe Logiksprünge, aber auch Berechnungen. Das Tool hat seine Grenzen, denn es gibt keine grafische Oberfläche für die logischen Abhängigkeiten, aber die meisten Fälle werden umfassend abgedeckt. Und das Tolle ist, dass man hierfür kein kostenpflichtiges Abo abschließen muss.

Und ja, Tally kommt außerdem mit sehr vielen Integrationsmöglichkeiten, eine gute Übersicht findet sich hier. Dazu zählen die bekannten Automation-Tools wie Zapier oder Make, es gibt aber auch direkte Integrationen mit Google Sheets und Analytics-Tools.

Aber Tally ist mehr als die Funktionalitäten. Lasst uns ein bisschen in die Hintergründe schauen.

Die Produktphilosophie

Was Tally so sympathisch macht, ist die Ehrlichkeit, mit der sie ihre Produktentwicklung offenlegen. Sie folgen klaren Werten: sie sind ein Produkt und keine Plattform. Sie entwickeln nur, was wirklich relevant ist, und sie sagen ganz, ganz oft „nein”. Ideen müssen sich als sinnvoll erweisen, weswegen immer erst einmal Prototypen entwickelt werden. Wenn sie in der Community durchfallen, dann werden sie auch nicht weiter gebaut. Wie entscheiden die Nutzer:innen? Tallys Roadmap ist öffentlich einsehbar und es gibt rege Diskussionen. Es gibt einen guten Artikel, der den Weg von Tally hin zu 5 Millionen Dollar jährlichem Umsatz nachzeichnet. Und warum das alles? Sie wollen unabhängig mit einem guten Produkt bleiben. Wachstum und Umsatz stehen nicht im Fokus.

Das Design ist darüber hinaus sehr schlicht und ansprechend. Genau das war von Anfang an ihr Ansatz: Tally soll einfach zu bedienen und gut gestaltet sein. Immerhin sind ja Formulare und Umfragen etwas, das nach außen ein Unternehmen oder auch ein Produkt präsentiert. Und so zahlte sich über die vergangenen sechs Jahre auch ihr Fokus auf den kostenlosen Teil des Produkts aus: schöne Formulare und Umfragen, die mit dem Tally-Logo versehen sind; so wird das Produkt direkt beworben. Ihr findet viele Berichte des Teams auf dem hauseigenen Blog.

Was ich persönlich klasse finde, ist die sorgfältige und klare Dokumentation. Ich betreute jahrelang Produktdokumentation und weiß, wie kompliziert es ist, Organisationen die Bedeutung von Doku (was ja am Ende Kundensupport ist) klarzumachen. Bei Tally sieht man, dass guter Service für Kund:innen ein ganz selbstverständlicher Teil ihrer Philosophie ist. Schaut euch mal um, ihre Doku ist wirklich toll organisiert.

Tally im Ökosystem „Europäische Souveränität”

Das Tally-Team versuchte nicht, ein rein europäisches Produkt zu bauen. Design und Bootstrapping waren von Beginn an ihr Fokus. Ihr großes Vorbild war und ist das US-Produkt „Notion”. Sie sprachen stets eine globale Nutzerbasis an, der der Standort des Unternehmens nicht wichtig war.

Das Produkt wird auf der Google Cloud in Belgien gehostet. Sie sind europäisch, basieren jedoch auf US-Unternehmen, nicht nur beim Hosting. Sie verwenden auch Google AI, Cloudflare und andere nicht europäische Anwendungen. Das soll nicht als Kritik aufgefasst werden: Tally stellt sich nicht in ein anderes Licht, sie stehen zu den Produkten, die sie nutzen. Es gehört nur zum gesamten Bild, um das Unternehmen einzuschätzen.

Tally ist ein kleines, junges Unternehmen, mit einem ziemlich guten Produkt, das radikal auf die eigenen Kunden hört. Es wurde ohne Fremdfinanzierung aufgebaut. Und es kommt zudem aus Europa. Aber es spielt nur eine passive Rolle darin, Abhängigkeiten zu US-Firmen abzubauen.