Wann ist europäische oder Open-Source-Software die richtige Wahl?

Eine Zeitleiste der fünf Auswahlkriterien des Beitrags, nacheinander aufgereiht: Datenschutz, keine Werbung, Open Source, lokale Wirtschaft und digitale Souveränität, jeweils mit einem eigenen Symbol. Der erste Punkt, Datenschutz, ist als Startpunkt in Korallrot hervorgehoben; die übrigen vier sind als offene Markierungen entlang der Linie gesetzt.
KI generiert

Wer Software nach Aussehen aussucht, wird mit diesem Blog vermutlich nicht ganz glücklich. Ich mag gut gestaltete, intuitive Software auch, keine Frage. Aber das ist für mich ein Nice-to-have, das ein gutes Tool noch ein bisschen besser macht. Und wenn ich tatsächlich die Wahl zwischen mehreren habe, kann Design und UX den Ausschlag geben. Dass etwas altbacken aussieht oder beim Bedienen ein wenig hakt, war für mich aber noch nie ein Grund, es abzulehnen.

Hier teile ich mit euch die Kriterien, nach denen ich Software auswähle. Das sind keine festen Regeln. Ich bin da nicht dogmatisch und benutze nach wie vor jede Menge Tools, die diese Kriterien gar nicht erfüllen. Ich nehme sie eher als Orientierung, vor allem bei den Entscheidungen, die wirklich zählen: ob ich für etwas Geld ausgebe und ob ich persönliche Daten aus der Hand gebe. Und sie helfen mir auch dabei, die Tools einzuschätzen, über die ich hier schreiben werde. Und klar, grundsätzlich muss die Software auch ihren Zweck erfüllen.

Mein digitaler Fingerabdruck

Einer der Hauptgründe, warum ich überhaupt angefangen habe, nach europäischen Apps zu suchen, ist der Datenschutz. In den meisten Ländern außerhalb des EWR (Europäischer Wirtschaftsraum) wird Privatsphäre weniger ernst genommen als in der EU. Auch wurde mir zunehmend unwohl dabei, so viel von dem herzugeben, was ich online mache. Ich hoffe einfach, dass europäische Software ein bisschen weniger datenhungrig ist und dass die Unternehmen sich ans hiesige Recht halten.

Bin ich damit naiv? Kann sein. Europäische Anbieter laufen oft selbst auf US-Cloud-Infrastruktur. Ich kann also nie ganz sicher sein, ob meine Daten dort wirklich sicher liegen.

Wenn es nun darum geht, von den großen US-Plattformen wegzukommen, warum dann nicht z.B. chinesische oder indische Tools? Auch hier gelten ähnliche Überlegungen: In der Praxis herrscht auch in diesen Ländern schwächerer Datenschutz, und eine größere Wahrscheinlichkeit, dass eine Regierung direkt auf ein Unternehmen zugreifen kann.

Werbung

Ich verstehe, warum es Werbung gibt. Für viele kleine Apps ist sie die einzige Einnahmequelle der Entwickler:innen. Aber in den letzten Jahren sind einige mobilen Apps für mich unbenutzbar geworden. Pop-ups, die den ganzen Bildschirm blockieren… Videos, die man bis zum Ende ansehen muss, bevor man überhaupt irgendetwas machen kann…

Das Problem ist besonders schlimm bei den kleinen, simplen Apps, für Wetter oder zum Einheiten umrechnen. Man öffnet sie, und der eine Anwendungsgrund, z.B. Unzen (oz.) in Gramm umrechnen, ist erst nach gefühlten fünf Minuten möglich. Sowas lösche ich sofort wieder.

Ich liebe FOSS

Die Idee hinter freier Open-Source-Software, kurz FOSS, hat mich von Anfang an begeistert. Ein riesiger Teil des Internets läuft auf Software, die vergleichsweise wenige Menschen gebaut und einfach kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Jede:r darf den Code lesen und ihn an die eigenen Bedürfnisse anpassen.

Für FOSS zu zahlen (z.B. zusätzliche Funktionen oder für Support) finde ich völlig in Ordnung. Genau das erlaubt es manchen Entwickler:innen, von ihrer Arbeit zu leben. Und wer Zeit und das nötige Wissen mitbringt, kann die Software trotzdem voll und kostenfrei nutzen. Mir gefällt, dass beides gleichzeitig wahr sein kann.

Lokale Wirtschaft

Ich habe Freund:innen in ganz Europa, viele davon arbeiten bei richtig spannenden Produktunternehmen. Und trotzdem greifen fast alle dieser Firmen zur sicheren, bequemen Standardlösung: Google, Microsoft, Slack, Salesforce, Mailchimp, AWS, Zendesk. Das machen viele Unternehmen, aber privat ist das Verhalten kaum anders. Niemand hat Lust, stundenlang nach Software zu suchen, von der man noch nie gehört hat. Verstehe ich. Dabei sind die Alternativen meist nur eine Suche entfernt: Hetzner, Scaleway, Nextcloud, Infomaniak, CleverReach, Matrix/Element, SuiteCRM, Zammad, um nur ein paar zu nennen. Sie sind aber zu wenig bekannt, weil sie zu wenige nutzen. Ein Teufelskreis.

Aber stellt euch mal ein Unternehmen vor, das europäische Software verkauft und seine Tage damit zubringt, andere europäische Firmen zum Wechsel zu überreden, während es selbst alles über Google, Slack und Salesforce abwickelt. Warum sollte einem das jemand abnehmen? Und wo landet eigentlich das Geld? Bleibt es in Europa und kommt als Steuern und Arbeitsplätze zurück, oder fließt es ab?

Ich baue gerade selbst ein Unternehmen auf, auch deshalb ist mir dieser Punkt sehr wichtig.

Digitale Souveränität

Mein letzter Grund ist eher politisch. Im Februar 2025 hat die US-Regierung ein Dekret unterzeichnet, das Mitarbeitende des Internationalen Strafgerichtshofs mit Sanktionen belegt. Es fing beim Chefankläger an und wurde später auf Richter:innen ausgeweitet. Weil es US-Finanzsanktionen waren, stellten die US-Dienste ihren Service für die betroffenen Personen ein, von Bankkonto und Kreditkarte bis hin zur Microsoft-Mailbox.

Es ist unwahrscheinlich, dass ich persönlich sanktioniert werde. Aber vielleicht arbeite ich eines Tages in einer Organisation, die nicht mit einer US-Regierung übereinstimmt und so Zugriffe auf bestimmte Tools unmöglich werden. Der Fall des Strafgerichtshofs zeigt, dass es passieren kann, dass es keine Theorie ist. Mir scheint es das Mindeste, diesen Umstand mitzudenken, wenn Entscheidungen über Software-Kauf getroffen werden.

Wie das Bild zusammenkommt

Wenn ich mir all diese Faktoren anschaue, dann lande ich oft bei europäischer und Open-Source Software. Und ich benutze selbst Software, die keines dieser Kriterien erfüllt, mein Windows-Laptop ist das beste Beispiel. Aber bewusste Entscheidungen sind mir wichtig. Wisst, was ihr benutzt und warum.

Und vielleicht ist genau das die spannendere Frage. Nicht, ob europäische Software gut ist, sondern für welche Aufgaben sie heute schon die bessere Wahl ist und wann sich der Wechsel wegen des Datenschutzes und der digitalen Souveränität lohnt. Das sind die Fragen, die ich mit diesem Blog beantworten möchte.